Der weiße Tod: eine Lawinenkatastrophe von 1954

Vor sechzig Jahren, im Januar 1954, kam es zu einer Vielzahl verheerender Lawinenabgänge im Land Vorarlberg in Österreich. Es wurden 388 Lawinen in einem Zeitraum von 48 Stunden beobachtet. Die Nachwirkungen waren katastrophal: 270 Verschüttungen führten zu 125 Todesfällen, 55 Häuser und Hunderte von landwirtschaftlichen Gebäuden wurden zerstört und 500 Rinder wurden getötet. Das Grosswalsertal und das Dorf Blons waren am schlimmsten betroffen. Letztlich führten die vielen Lawinenabgänge zu verbessertem Wissen und Praktiken zum Verständnis der Dynamik von Lawinen. Zusätzlich wurden Lawinenverbauungen verstärkt und fokussierte Lawinenprognosen entwickelt. Überraschenderweise hat sich wenig in 60 Jahren verändert, wenn es um die Lawinenrettung geht.

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Nach einem außergewöhnlich warmen und trockenen Herbst, fiel der erste echte Schnee erst kurz vor Weihnachten und dem folgten zwei Wochen kaltes, trockenes Wetter. Ab der zweiten Januarwoche hatte sich ein Hochdruckgebiet über der Biskaya und ein Tiefdruckgebiet über Skandinavien gebildet. Diese Kombination führte zu einer starken und feuchten Nordwestströmung, die am 9. Januar in Österreich über die Nord-Alpen fegte. Bis zum 11. Januar waren bis zu 2 Meter Schnee in ganz Vorarlberg gefallen und es schneite heftig weiter. Hier beschreibt der Überlebende Robert Dobner die Lage:“Es war dunkel am Montag, die Luft war voller Schnee.“

Als der Sturm weiter tobte, stiegen die Temperaturen an. Schwerer, warmer Schnee fiel auf kalten, leichten Schnee. Am Montagmorgen gab das Lokalradio eine Lawinenwarnung heraus: “Die Lawinengefahr ist äußerst ernst und nimmt immer noch zu.”

Hoch über Blons hatten die weit auseinanderliegenden Bäume, heruntergekommenen Schneezäune und Mauern dem vielen Neuschnee nichts entgegenzusetzen. Eine riesige Lawine, spontan ausgelöst am Flavkopf, schlug in der Ostseite des Dorfes um 10:00 Uhr ein. Zweiundachtzig Einwohner wurden verschüttet, großteiles in Häusern und Scheunen und 34 davon verstarben. Eine kleine Lawine am späten Nachmittag tötete eine weitere Person und um 21:00 Uhr fiel eine zweite große Lawine vom Mont Calv und traf das Dorfzentrum. Dreiundvierzig Menschen wurden verschüttet, darunter 16, die bei der morgendlichen Lawine verschüttet worden waren, und weitere 22 starben.

Der Sturm hatte Strom- und Telefonleitungen zerstört, noch bevor die erste Lawinesich löste. Die Notlage, in der sich das Dorf befand, drang erst einen Tag später zu den Rettern durch. Die ersten Rettungskräfte erreichten Blons am 13. Januar und eine internationale Rettungsaktion folgte daraufhin. Retter aus Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten kamen den österreichischen Rettern zur Hilfe. Die US-Luftwaffe flog 99 Hubschrauberflüge nach Blons, um Retter zu transportieren, verletzte Patienten zu evakuieren sowie 11.000 kg Hilfsgüter abzuwerfen. Die schweizerische Rettungsflugwacht schickte 14 Retter, 6 Hundeteams und zwei Hubschrauber, sowie eine DC-3 mit 5 Rettungsfallschirmjägern und zwei Ärzten.

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Im Hinblick auf die Rettung sind die Werkzeuge, die vor 60 Jahren verwendet wurden, auch heute noch vorherrschende Mittel, um Leute zu finden – Lawinensonden, Schaufeln und Hunde – vor allem, wenn die Opfer in Häusern sind oder, wenn sie nicht mit Empfängern LVS oder Reflektoren ausgestattet sind. Heutzutage sind in den Industrieländern Lawinenkatastrophen in Dörfern eher selten. Die Zahl der Jährlichen Lawinenopfer in den Bergen im alpinen Gelände und im Variantengelände ist nach wievor ein Thema. In diesen Gebieten tragen nur etwa 50% der Verschütteten LVS oder Reflektoren. Mit anderen Worten, etwa die Hälfte der Lawinenopfer sind nicht suchbar. Für diese Menschen verwenden die Retter immer noch die gleichen Methoden wie vor mehr als einem halben Jahrhundert.

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Etwa die Hälfte der Verschütteten in Blons überlebte und die meisten waren schnell gefunden; allerdings waren einige für viele Stunden begraben. Der letzte Überlebende wurde nach 62 Stunden befreit. Obduktionen der Toten ergaben: „Nur wenige der Opfer starben in dem Moment, als sie von der Lawine getroffen wurden. Die Meisten starben später.” Als moderne Retter sollten wir nicht fragen: “Ist der Verschüttete tot?” Vielmehr sollten wir fragen: “Könnte der Verschüttete noch am Leben sein?”

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